Fremdbestimmt [Interlock No.3]

in progress
for actress and prepared stroh viola (or stroh violin)
duration: tba


Das Fundament dieser Reihe ist das Prinzip der Überformung. Es zeichnet sich dadurch aus, dass eine Kette von Prozessen an der Hervorbringung eines Ergebnisses beteiligt ist, dass die einzelnen Stufen der Entwicklung im Endergebnis aber nicht mehr voneinander trennbar sind. Die Lautproduktion der menschlichen Stimme ist beispielweise ein solcher Vorgang: Ein Luftstrom regt zunächst eine Pulswelle an, deren Frequenz in einem zweiten Schritt beeinflusst wird. Dem nachgelagert ist ein Resonanzprozess, aus dem sich die Individuelle Klangfarbe ergibt. Am Ende stehen komplizierte Filtrierungen, die wir zB beim Formen von Phonemen steuern. Trennbar sind diese Instanzen nicht, wir können zB niemals die Pulswelle ohne die Resonanzen und Filtrierungen hören, die Prozesse sind nicht voneinander trennbar. Nun geht es mir aber nicht um Klangerzeugungs- sondern um Steuerprozesse: Im Gegensatz zu einem rein akustischen Ensemble, bei dem die “Arbeitsteilung” zB darin besteht, dass Parts einzelner Mitglieder am Ende gleichzeitig klingen und klanglich verschmelzen, geht es in dieser Werkreihe um Konstellationen in denen sich alle Beteiligte gemeinsam in einem mehrstufigen und interdependenten System befinden. Man stelle sich eine Situation vor, in der mehrere Menschen gemeinsam einen Text verfassen. Eine Person schreibt einen halben Satz, jemand anders verändert zwei Wörter, eine dritte Person schliesst den Gedanken ab und eine vierte Person präzisiert schliesslich die Formulierung durch Vertauschung und Streichungen. Diese Art der Zusammenarbeit ist angesichts von Tools wie Google-Docs, Dropbox etc längst nichts aussergewöhnliches mehr. Es ist ein Idealmodell des kollektiven Arbeitens, dass es am Ende eben keinen Autor mehr gibt: nicht “jemand” hat sich diese Sätze ausgedacht, sondern sie sind einem kollektiv-generativen Prozeß erwachsen. Was passiert zum Beispiel mit einem Quartett, wenn sich die vier Musiker nicht – wie in Goethes berühmten Zitat – miteinander unterhalten wie vernünftige Leute, wenn sie auch nicht gemeinsam an aus Einzelnoten zusammengesetzten Strukturen arbeiten, sondern wenn das Resultat als Ganzes von allen Musikern gemeinsam und gleichzeitig kontrolliert wird? Das Ergebnis ist dann nicht mehr ein mehrstimmiger Satz, sondern permanent einstimmig, wie in einem gesellschaftlichen Bottom-Up-Prozess in dem viele Instanzen dazu beitragen schliesslich eine einzige Position zu formulieren. Allerdings bildet diese Monodie auf neue Weise die Komplexität der Interaktion der Musiker ab. Es wäre dies eine Versuchsanordnung, eine Übertragung eines Denkmodells für kollektive Organismen oder Gesellschaften, ein Modellversuch für eine tatsächlich kollektive Arbeit "am Ton”.


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Article: Interlocks (DE)


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